Echte Frauen, Falsche Frauen - Falsche Vorbilder

Wort zum Sonntag, Ausgabe 18

Wer die letzten Tage in der englischen Bra-Bloggerwelt gelesen hat, dem ist das Thema sicher wohlbekannt.
Wie eine Seifenblase ist plötzlich das "Real women" Thema geplatzt und hat sich dann rasendschnell von Blog zu Blog ausgebreitet.
Zuerst wollte ich das Thema nicht aufgreifen, aber irgendwie lässt es mir auch keine Ruhe.
Vor allem, da ja nicht jeder die englischen Blogs verfolgt, ist ein Artikel auf Deutsch vielleicht gar nicht einmal so schlecht.

Echte Frauen - Real Women

Erst letzte Woche ist mir klar geworden, wie unterschiedlich dieser Begriff aufgefasst werden kann. Für mich habe ich eine recht simple Definition gefunden:

Echte Frauen oder generell Echte Menschen sind Menschen, die real existieren (oder zum Zeitpunkt einer Fotoaufnahme real existiert haben).
Auf Fotos und Werbung ausgeweitet:
Echte Menschen sehen in der Realität wirklich so aus, wie sie auf dem fertigen Plakat auch aussehen, kleinere Retuschen und Lichtveränderungen ausgenommen ;). Aber die Formen, die Proportionen - das alles entspricht der Realität.

Daraus folgt: Jede Frau ist echt. Jeder Mensch ist echt. Jedes Kind, jedes Tier, jede Pflanze ist echt. Alle, die gerade irgendwo beim Sonntagskaffee sitzen sind genauso echt wie Kranke, Schwache, Arme, Schöne, Reiche.
Wir leben, atmen, denken, wir existieren.

Cogito ergo sum.

Speziell auf die Werbeindustrie bezogen möchte ich nun ein paar Lanzen brechen.
Jedes Model, das irgendwo vor einer Kamera steht und abgelichtet wird, ist echt.
Ob sie jetzt 45 oder 90kg hat,
45kg durch Ana/Mia erreicht hat oder gesund ist,
60DD oder 75H trägt,
lange oder kurze Haare hat.

Mit viel MakeUp oder mit wenig,
mit Korsett oder ohne,
nackt oder nicht.
Echt.

Auch nach irgendwelchen "Schönheitsoperationen".

In dem Moment, wo sie fotografiert wird, ist sie ein echter Mensch, der fotografiert wird. Die Rohdaten zeigen auch genau das: einen echten Menschen.

Und dieser ganze Schmarrn, "Echte Frauen haben Kurven" - ich kann es nicht mehr hören. Menschen kommen in so vielen verschiedenen Formen und Farben und Ausprägungen, warum muss man da noch aufeinander herumhacken?
Das ist dieser typische Fall von "andere niedermachen damit man selbst herausragt".
Dass persönlicher Geschmack vielleicht einen bestimmten Typ bevorzugt, ist ja auch in Ordnung. Aber das dann gleich einer ganzen Gesellschaft aufdoktrinieren? Als Protest gegenüber der Schlankheitsnorm eine eigene Norm erschaffen?
Das ist doch kindisch. Anstatt uns gegenseitig zu hassen, könnten wir die Energie doch in viel sinnvollere Dinge investieren. Sich selbst etwas Gutes tun, zum Beispiel.
Man lernt nicht, sich selbst zu lieben, indem man die anderen hasst.

Und jetzt beginnt die Nachbearbeitung, bei der die Fotos mit echten Frauen plötzlich zu künstlichen Werken ohne echten Menschen werden.

Da werden Körper gestreckt, Proportionen verändert, Augen, Nase, Mund verändert, der Hals länger, die Brust größer, die Taille schmäler.
Je nachdem wie der Kunde oder der Bearbeiter es wünscht.

Und ab diesem Moment zeigt das Foto für mich keine echten Menschen mehr.
Natürlich sind die ursprünglichen Modelle echt - aber in dieser Form, wie sie auf dem fertigen Foto zu sehen sind, existieren sie nicht. Dadurch fehlt die Authentizität.
Diese Fotos können trotzdem wunderschön aussehen, wahre Kunstwerke sein. Das will ich gar nicht absprechen, auch nicht sagen, dass nachträgliche Veränderungen grundsätzlich schlecht sind.
Jedoch finde ich es schon sehr bedenklich, dass in der Mainstream Mode Werbung kaum echte Frauen (nach meiner Definition) auf Fotos zu sehen sind.

Denn vielen Leuten ist es nicht klar, wie viel in der Werbung künstlich und nachträglich getrickst wird.
Wir hängen uns an Vorbilder, die real gar nicht existieren. In einer Welt, wo nichteinmal Models aussehen wie die Fotos von Models.
Obwohl ich mich für einen recht aufgeklärten Menschen halte, falle ich immer wieder auf diese Tricks herein. Erst im direkten Vergleich mit vorher-nachher Bildern zeigt sich, wo in der Nachbearbeitung dann getrickst wurde.

Sehr ergiebig ist da ja immer H&M. Vor einigen Jahren wurden die Plakate (ich denke, es war für eine Sonderkollektion... ich kann sie nicht mehr finden...) sogar nachträglich verändert oder abgenommen, da sie einfach so krass bearbeitet waren.
Und im Moment ist der Aufschrei ja groß:
H&M verwendet gezeichnete Körper und setzt nur verschiedene Modelköpfe drauf, um für ihre Bademode zu werben.
Und da soll man sich nicht verarscht vorkommen.

Hier gibt es ein tolles Video dazu, das diese Techniken kurz zeigt.
Ich empfehle, die ersten 3 Minuten auch anzusehen, da das Thema wirklich sehr interessant ist, ans Bearbeiten gehts ab 3:30 oder so.
Nicht erschrecken, die Seite heißt diet.com oder so ;)

Und der zweite Teil:

Und das allseits bekannte Dove Video

Sowas finde ich einfach unverantwortlich, in einer Zeit wo die Essstörungen schon bei Kindern immer häufiger auftreten, ist es doch wichtig, reale Vorbilder zu haben!

Es ist doch frustrierend, wir schaffen uns Schönheitsideale, die nicht mehr erreichbar sind!
Gerade wenn Taillen sehr stark verkleinert werden, denk ich mir oft: "Aber, da sind doch Rippen?"
Auch wenn wir Sport machen bis zum Umfallen, wir können unser Skelett nun doch nicht verändern.

Das momentan vorherrschende Schönheitsideal ist "schlank", das wird sich auch nicht so schnell ändern. Aber es wäre doch schon so viel gewonnen, wenn einfach wieder echte Menschen abgebildet werden. Dass diese echten Models immer noch sehr viel schlanker als der westliche Durchschnittsmensch sind, steht ohnehin außer Frage.

Wie seht ihr das?
Liegt die Verantwortung bei der Modeindustrie oder bei uns?
Und ganz ehrlich: Ist euch diese ausgiebige Retusche bei jedem Foto bewusst?